"Tut dies zu meinem Gedächtnis"

Predigt von Kardinal Meisner vom 21. März 2005 bei der Chrisammesse

Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder!

  1. „Es ist ein erschreckender Gedanke, dass das Heil des Menschen an den Menschen gebunden ist“, schreibt Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Mystici corporis“. Das bezeugt die ganze Heilige Schrift! Wir sind einander heilsnotwendig. Doch dazu benötigen wir die Gegenwart des Herrn. Ohne ihn sind wir hilf- und heillos. Darum beginnt der Herr die Einsetzung der heiligen Eucharistie mit den unvergesslichen Worten: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“ (Lk 22,15), um uns sein Testament zu hinterlassen. Sein Testament enthält ihn selbst: „Das ist mein Leib“ (Lk 22,19).

Wir haben nicht ein Stück oder einen Rest von ihm.
Wir haben seine Person. Das heißt Eucharistie.

Sein Testament ist „neuer Bund in seinem Blute“; darin zeigt sich das Kreuz; darin leuchtet Ostern; darin ist seine Geburt auf Erden und sein Auffahren in den Himmel; darin warten wir auf sein Wiederkommen am Jüngsten Tag. Alles ist in diesem Zeichen von Brot und Wein konzentriert: Gottes Demut, die den Sohn Fleisch annehmen ließ, aber auch Gottes Majestät, die den Sohn zum König erhoben hat. Die Eucharistie ist wahrhaft das Allerheiligste. Gott hat hier wirklich seine Hand geöffnet und alles, was da lebt, mit Segen erfüllt.

Alle Augen dürfen nun auf ihn warten, dass er uns hier „die Speise gibt zur rechten Zeit“. Wir bleiben in ihm und er in uns; ein Leib: er das Haupt, wir die Glieder; ein Gewächs: er der Weinstock, wir die Reben. Gerade das ist das große und entscheidende sakramentale Ereignis der Eucharistie. Nicht nur jeder Einzelne von uns wird im Opfermahl mit Jesus Christus vereint. Wenn es nur so wäre, dann wäre Eucharistie eine Art Privatandacht. Da wir alle, die wir am Mahl teilnehmen, Anteil an demselben Leib des Herrn haben, werden wir in Christus untereinander und miteinander vereint, werden wir Leib des Herrn und damit Kirche, Familie Gottes. Mit diesem Testament verkünden wir den Tod des Herrn, bis er wiederkommt.

 

  1. Seine wirkliche und wahrhaftige Gegenwart in der Eucharistie bindet der Herr aber an das Vorhandensein des Priesters. Im gleichen Augenblick, da er der Kirche die Eucharistie hinterlässt, bindet er sie an die Gegenwart des Priesters, indem er sofort das Sakrament der Priesterweihe einsetzt mit den Worten: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19). Dies aber geschieht nicht zu seinem Gedächtnis, wenn kein Priester mehr da ist, wenn der Ruf in den priesterlichen Abendmahlssaal nicht mehr gehört wird.

    Der Priester ist der Mann Christi für seine eucharistische Gegenwart zugunsten der Menschen, d.h. der Priester wird konstituiert durch die heilige Eucharistie, und er ist nur durch die heilige Eucharistie zu erklären. Deshalb bildet die heilige Eucharistie sein Lebenszentrum. Daraus folgt die tägliche Zelebration, die tägliche eucharistische Anbetung, unsere Sorge um die absolute Sauberkeit und Heiligkeit des Altares und des Tabernakels, und alles, was mit der Eucharistie zu tun hat.

    Wir beklagen ein Schwinden der Ehrfurcht. Ehrfurcht ist eine Haltung. Haltungen aber entstehen durch Handlungen, also durch Ehrfurchtshandlungen. Mir bleibt ein Besuch in einem spanischen Priesterseminar unvergesslich. Bei der Zelebration brachten die Ministranten Kelch und Opferschale an den Altar – nicht mit der bloßen Hand, sondern sie fassten sie an mit einem weißen Leinentüchlein. Bei der heiligen Kommunion wurden Kniebänke aufgestellt, darüber blütenweiße Tücher gebreitet, und bei der Mundkommunion wurde jedem eine blanke Patene unter das Kinn gehalten. Da ging mir plötzlich auf:

die Haltung der Ehrfurcht erwächst aus Handlungen der Ehrfurcht.

Mir geht es hier nicht um die Mundkommunion als solche. Ich möchte nur darauf hinweisen: Wir müssen wieder gemeinsam Handlungen der Ehrfurcht praktizieren, damit die Haltung der Ehrfurcht in unseren Gemeinden und in unserem eigenen Herzen wächst: etwa die Kniebeuge, das betende Schweigen in der Kirche und in der Sakristei, die Heiligkeit des Altarraumes.
Die Gegenreformation im 16. Jahrhundert nahm in der Oberlausitz bei den Sorben ihren Anfang durch den Domdekan Johannes Leisentritt. Er wurde aus Olmütz in jenen kirchlichen Sprengel geschickt, in dem es noch ganze 5 katholische Familien gab. Er begann sein erfolgreiches missionarisches Wirken, indem er das Altargerät restaurieren und polieren ließ. Er war nämlich davon überzeugt, dass die Menschen nur an die Kostbarkeit des Inhalts der Gefäße, das heißt der heiligen Eucharistie, glauben können, wenn sie, gleichsam als Hülle, etwas von dieser Kostbarkeit widerspiegeln. Das Eucharistische Jahr will uns Priestern dies alles wieder deutlich machen. Die heilige Eucharistie kommt nicht ohne den Priester zustande, und der Priester kommt nicht ohne die heilige Eucharistie zustande. Er bleibt nur ein lebendiger Zeuge Jesu Christi, wenn die Eucharistie die Mitte seines Tagewerkes bleibt. Wir Priester sind für unsere Gemeinden notwendig, weil es ohne uns keine Eucharistie gibt.

  1. Die Sorge um Priesternachwuchs ist die Sorge um den Altar, um den Tabernakel, um die Eucharistiefeier. Wenn eine Gemeinde dieses Anliegen nicht als brennende Sorge empfindet und mit trägt, dann sind wir Priester und Bischöfe vielleicht den Gemeinden die rechte Verkündigung der heiligen Eucharistie schuldig geblieben. In den Jahrzehnten des Kommunismus in Russland versammelten sich die kleinen katholischen Gemeinden an den Sonntagen zum Gottesdienst in Wohnung und Friedhofskapellen. Sie legten als Zeichen der Sehnsucht nach einem Priester die Stola über ihren Altartisch, und genau an der Stelle, wo in den gehaltenen Messandachten die heilige Wandlung gedacht wurde, knieten sie nieder und riefen laut zu Gott um einen Priester.

    Die Sorge um die würdige Feier der Eucharistie und ihre Aufbewahrung und Verehrung im Tabernakel findet ihre Fortsetzung in der Sorge um die Würde der Kommunikanten bei der Mitfeier der heiligen Geheimnisse. Der Apostel Paulus sagt uns ausdrücklich: „Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 28-29). Es ist erschütternd, dass wir bei der Liturgiereform alle diese Texte, die auf den großen Ernst einer würdigen Kommunion hinweisen, getilgt haben. Darum stellen wir überall steigende Kommunionzahlen fest, aber immer mehr sinkende Zahlen derer, die sich im Bußsakrament auf eine würdige Kommunion vorbereiten. Müsste nicht der geistliche und seelsorgliche Ertrag der vielen Kommunionen spürbarer sein, als wir es erfahren? Liegt das daran, dass unsere Gläubigen – und vielleicht wir selber – nicht mehr häufig genug durch den Empfang des Bußsakramentes auf die heilige Eucharistie vorbereitet sind, sodass sich die Gnade, die wir empfangen, gar nicht entfalten kann? Die Worte der sakramentalen Sündenvergebung: „Ich spreche dich los von deinen Sünden“ und die Konsekrationsworte bei der heiligen Wandlung: „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ korrespondieren miteinander. Das eine Herrenwort braucht das andere, und das eine ergänzt das andere. Wehe uns, wenn wir in eine unkatholische Einseitigkeit verfallen!
     
  2. Wir sind die Testamentsvollstrecker Jesu, indem er uns ausdrücklich auf die Seele gebunden hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“. Wir wissen, dass uns der Herr weder Schrank noch Bett, Bild oder Truhe hinterlassen hat. Er brauchte keine lange Liste anzulegen. Bestandsaufnahme: Null! Es gibt kein Aktenstück mit seinem Namenszug, nirgendwo ein materielles Erbe. Aber ein Testament hat er angelegt, eines nicht auf Papier, nicht mit Tinte und Federhalter, eines auf dem Holz des Kreuzes, eines mit Blut und Tränen – das tröstlichste, reichste, universalste, wertvollste Testament, das je erdacht wurde, ein Erbe an seine Welt, eine Tat für alle, da seine Liebe niemand ausschließt, und uns ist es in die Hände gelegt. Je gläubiger wir sein Testament ergreifen, es lesen, es essen und trinken, davon leben, täglich in allen Stunden, in Freud und in Leid, desto mehr erhalten wir. Dann sind sein Heilswerk, sein Erlösertod, seine Menschheit und Gottheit, seine Liebe von Ewigkeit, seine ganze Fürbittkraft, seine Gemeinschaft mit uns. Alles von seinem Herzen hat er uns im Sakrament der Eucharistie vermacht. Sein Testament ist unser Allerheiligstes. Ob es die Menschen erreicht, hängt von uns, seinen Testamentsvollstreckern, ab. Das Allerheiligste ist die Energie für unseren Heiligungsdienst an der Welt. Der Heilige Vater sagt in seinem Schreiben „Novo millennio ineunte“, mit dem er gleichsam den Start ins neue Jahrhundert gibt: „Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen:

Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit“.

Der vertraute Umgang mit dem Allerheiligsten heiligt uns, wie das Leben des hl. Pfarrers von Ars bezeugt. Eine Kirche, die nicht mehr zur Heiligkeit aufruft, verleugnet ihren Auftrag und verliert ihre Existenzberechtigung, denn sie ist von ihrer Stiftung her auf Mission angelegt. – „Die geheime Quelle und das unfehlbare Maß der missionarischen Kraft der Kirche ist ihre Heiligkeit“, sagt der Papst weiter.
Darum ist die ganze Kirche mit Recht unruhig, wenn wir so wenige Priesterberufungen haben, weil ihr damit eigentlich die Mitte verloren geht. Bis ans Ende, in alle Ewigkeit hinein, ist seine Liebe testamentarisch verewigt. Er befiehlt feierlich: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ „Tut!“ – Auf die Tat kommt es hier an! Hier seine Liebe empfangen und draußen seine Liebe vermehren. Es ist ein erschreckender Gedanke, dass das Heil des Menschen an den Menschen gebunden ist. Und es ist ein noch erschütternderer Gedanke, dass unser Herr seine Heilssorge um die Menschen an uns Priester gebunden hat.

  1. Die Eucharistie ist Wegzehrung. Sie fällt nicht vom Himmel, sondern sie wird bereitet und gereicht durch den, dem der Herr ausdrücklich gesagt hat: „Tu dies zu meinem Gedächtnis!“ Kein Priester darf sich überflüssig fühlen. Ein Priester ist immer notwendig für die Kirche und die Welt. Wir können gar nicht hoch genug von unserer Heilsbedeutung in der Heilsökonomie Christi denken.
    Der Herr hat die Priesterweihe nicht einem Einzelnen gespendet, sondern einem Zwölferkollegium. Denn auch der eine Priester ist für den anderen notwendig, damit er ihm horizontal das Wort der Vergebung zuspricht und deshalb immer ein würdiger Ausspender der Geheimnisse Gottes bleiben kann. Darum gehört zum einzelnen Priester immer die Priestergemeinschaft, also das Presbyterium, wesentlich dazu.
    Man kann den Priester nur im Zusammenhang mit dem Presbyterium wirklich verstehen. Und das wird sakramental einmal im Jahr deutlich dargestellt in der Ölmesse oder Chrisammesse. Wir sind alle mit dem gleichen Chrisam gesalbt und alle auf den gleichen Weg gesandt. Darum ist es mir eine große Freude, dass sich so viele Mitbrüder zu diesem Gottesdienst zusammen finden, um gleichsam wieder sichtbar ihren rechten Standort im Bistum und in der Gemeinde zu finden. Und ich nehme als Bischof wehmütigen Herzens im Geiste all diejenigen in das Opfer Christi mit hinein, die uns ihre sakramentale Gegenwart bei diesem Gottesdienst versagen.

    Die Eucharistie ist Dank, Lob, Bitte und Anbetung. Gerade Letzteres spielt in diesem Jahr, in dem der Weltjugendtag in unserer Mitte gefeiert wird, eine ganz bedeutende Rolle, denn der Papst hat über diese Tage der Jugend geschrieben:

„Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“.

Die Jugend der Welt wird zu uns kommen, um IHN anzubeten. Sind wir darauf gefasst? Welchen Eindruck werden unsere Kirchen, unsere Tabernakel, unsere Altäre, unsere Gotteshäuser auf die jungen Menschen aus aller Welt machen? Wenn sie dann etwas spüren von dem Geist der Anbetung, der Hingabe und der Freude an Gott, die unsere Stärke ist, hätten wir den tiefsten Sinn als gastgebende Diözese erfüllt. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln