Predigt von Kardinal Meisner vom 21. März 2005 bei der Chrisammesse
Wir haben nicht ein Stück oder einen Rest von ihm.
Wir haben seine Person. Das heißt Eucharistie.
Sein Testament ist „neuer Bund in seinem Blute“; darin zeigt sich das Kreuz; darin leuchtet Ostern; darin ist seine Geburt auf Erden und sein Auffahren in den Himmel; darin warten wir auf sein Wiederkommen am Jüngsten Tag. Alles ist in diesem Zeichen von Brot und Wein konzentriert: Gottes Demut, die den Sohn Fleisch annehmen ließ, aber auch Gottes Majestät, die den Sohn zum König erhoben hat. Die Eucharistie ist wahrhaft das Allerheiligste. Gott hat hier wirklich seine Hand geöffnet und alles, was da lebt, mit Segen erfüllt.
Alle Augen dürfen nun auf ihn warten, dass er uns hier „die Speise gibt zur rechten Zeit“. Wir bleiben in ihm und er in uns; ein Leib: er das Haupt, wir die Glieder; ein Gewächs: er der Weinstock, wir die Reben. Gerade das ist das große und entscheidende sakramentale Ereignis der Eucharistie. Nicht nur jeder Einzelne von uns wird im Opfermahl mit Jesus Christus vereint. Wenn es nur so wäre, dann wäre Eucharistie eine Art Privatandacht. Da wir alle, die wir am Mahl teilnehmen, Anteil an demselben Leib des Herrn haben, werden wir in Christus untereinander und miteinander vereint, werden wir Leib des Herrn und damit Kirche, Familie Gottes. Mit diesem Testament verkünden wir den Tod des Herrn, bis er wiederkommt.
die Haltung der Ehrfurcht erwächst aus Handlungen der Ehrfurcht.
Mir geht es hier nicht um die Mundkommunion als solche. Ich möchte nur darauf hinweisen: Wir müssen wieder gemeinsam Handlungen der Ehrfurcht praktizieren, damit die Haltung der Ehrfurcht in unseren Gemeinden und in unserem eigenen Herzen wächst: etwa die Kniebeuge, das betende Schweigen in der Kirche und in der Sakristei, die Heiligkeit des Altarraumes.
Die Gegenreformation im 16. Jahrhundert nahm in der Oberlausitz bei den Sorben ihren Anfang durch den Domdekan Johannes Leisentritt. Er wurde aus Olmütz in jenen kirchlichen Sprengel geschickt, in dem es noch ganze 5 katholische Familien gab. Er begann sein erfolgreiches missionarisches Wirken, indem er das Altargerät restaurieren und polieren ließ. Er war nämlich davon überzeugt, dass die Menschen nur an die Kostbarkeit des Inhalts der Gefäße, das heißt der heiligen Eucharistie, glauben können, wenn sie, gleichsam als Hülle, etwas von dieser Kostbarkeit widerspiegeln. Das Eucharistische Jahr will uns Priestern dies alles wieder deutlich machen. Die heilige Eucharistie kommt nicht ohne den Priester zustande, und der Priester kommt nicht ohne die heilige Eucharistie zustande. Er bleibt nur ein lebendiger Zeuge Jesu Christi, wenn die Eucharistie die Mitte seines Tagewerkes bleibt. Wir Priester sind für unsere Gemeinden notwendig, weil es ohne uns keine Eucharistie gibt.
Die
Sorge um die würdige Feier der Eucharistie und ihre Aufbewahrung und
Verehrung im Tabernakel findet ihre Fortsetzung in der Sorge um die Würde
der Kommunikanten bei der Mitfeier der heiligen Geheimnisse. Der Apostel
Paulus sagt uns ausdrücklich: „Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll
er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und
trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das
Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 28-29). Es ist erschütternd,
dass wir bei der Liturgiereform alle diese Texte, die auf den großen Ernst
einer würdigen Kommunion hinweisen, getilgt haben. Darum stellen wir überall
steigende Kommunionzahlen fest, aber immer mehr sinkende Zahlen derer, die
sich im Bußsakrament auf eine würdige Kommunion vorbereiten. Müsste nicht
der geistliche und seelsorgliche Ertrag der vielen Kommunionen spürbarer
sein, als wir es erfahren? Liegt das daran, dass unsere Gläubigen – und
vielleicht wir selber – nicht mehr häufig genug durch den Empfang des
Bußsakramentes auf die heilige Eucharistie vorbereitet sind, sodass sich die
Gnade, die wir empfangen, gar nicht entfalten kann? Die Worte der
sakramentalen Sündenvergebung: „Ich spreche dich los von deinen Sünden“ und
die Konsekrationsworte bei der heiligen Wandlung: „Das ist mein Leib“ und
„Das ist mein Blut“ korrespondieren miteinander. Das eine Herrenwort braucht
das andere, und das eine ergänzt das andere. Wehe uns, wenn wir in eine
unkatholische Einseitigkeit verfallen! Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit“.
Der vertraute Umgang mit dem Allerheiligsten heiligt uns, wie das Leben des hl. Pfarrers von Ars bezeugt. Eine Kirche, die nicht mehr zur Heiligkeit aufruft, verleugnet ihren Auftrag und verliert ihre Existenzberechtigung, denn sie ist von ihrer Stiftung her auf Mission angelegt. – „Die geheime Quelle und das unfehlbare Maß der missionarischen Kraft der Kirche ist ihre Heiligkeit“, sagt der Papst weiter.
Darum ist die ganze Kirche mit Recht unruhig, wenn wir so wenige Priesterberufungen haben, weil ihr damit eigentlich die Mitte verloren geht. Bis ans Ende, in alle Ewigkeit hinein, ist seine Liebe testamentarisch verewigt. Er befiehlt feierlich: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ „Tut!“ – Auf die Tat kommt es hier an! Hier seine Liebe empfangen und draußen seine Liebe vermehren. Es ist ein erschreckender Gedanke, dass das Heil des Menschen an den Menschen gebunden ist. Und es ist ein noch erschütternderer Gedanke, dass unser Herr seine Heilssorge um die Menschen an uns Priester gebunden hat.
Welt.
Wir können gar nicht hoch genug von unserer Heilsbedeutung in der
Heilsökonomie Christi denken. „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“.
Die Jugend der Welt wird zu uns kommen, um IHN anzubeten. Sind wir darauf gefasst? Welchen Eindruck werden unsere Kirchen, unsere Tabernakel, unsere Altäre, unsere Gotteshäuser auf die jungen Menschen aus aller Welt machen? Wenn sie dann etwas spüren von dem Geist der Anbetung, der Hingabe und der Freude an Gott, die unsere Stärke ist, hätten wir den tiefsten Sinn als gastgebende Diözese erfüllt. Amen.
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln