Familienbischof DDr. Klaus Küng
Ganz
bewusst hat die „Initiative Hauskirche“ den heutigen Tag gewählt. Die Vereinten
Nationen begehen nämlich den 15. Mai als Tag der Familie, und in diesem Jahr
geschieht es mit einer besonderen Feierlichkeit, da vor zehn Jahren zum ersten
Mal von den Vereinten Nationen für die ganze Welt ein Internationales Jahr der
Familie proklamiert wurde.
Damals, 1994, wurde diese Initiative auch vom Heiligen Stuhl aufgegriffen.
Johannes Paul II. veranstaltete in Rom ein erstes Weltfamilientreffen, das
inzwischen – ähnlich wie die Weltjugendtreffen - bereits zu einer
traditionellen Großveranstaltung geworden ist, die alle zwei Jahre
stattfindet.
Mut zur Ehe! Mut zur Familie, zur Familie mit mehreren Kindern!
Wir wollten gerade am heutigen Tag dieses Treffen hier in Linz, um die
Öffentlichkeit auf etwas hinzuweisen, was für unser Land und für ganz Europa
von größter Bedeutung ist. Es ist uns ein großes Anliegen, den Menschen von
heute bewusst zu machen, dass bei Beachtung bestimmter Voraussetzungen die
Familie auf der Grundlage der Ehe große Erfolgschancen hat. Viele haben Angst
sich zu binden - ein Grund, warum sie nicht heiraten, zögern zu heiraten. Wir
möchten den jungen Paaren zurufen: Mut zur Ehe! Mut zur Familie, zur Familie
mit mehreren Kindern, denn Kinder brauchen Geschwister. Eine kinderreiche
Familie fordert Großzügigkeit von den Eltern, aber diese Großzügigkeit lohnt
sich!
Es ließe sich – auch statistisch – sehr gut und klar nachweisen: Wer einen
Partner sucht, der mit ihm in den wesentlichen Werten übereinstimmt, wer sich
unter dieser Voraussetzung für die Ehe entscheidet und dann gemeinsam mit dem
Ehepartner um eine entsprechende Lebensgestaltung bemüht ist, findet mit sehr
großer Wahrscheinlichkeit den Weg zu einer Beziehung, die trotz mancher
Schwierigkeiten dauerhaft sein wird. Außerdem scheint es mir wichtig
festzustellen: Die besten Voraussetzungen für eine gesunde
Persönlichkeitsentwicklung der Kinder finden sich auch heute am ehesten in
einer christlichen Familie.
Jeder
Lehrer, jeder Sozialarbeiter, jeder Seelsorger, jeder Psychotherapeut weiß es,
auch durch die Problemfälle, mit denen sie zu tun haben: Wer nicht als Kind
Liebe und Zuwendung erfahren hat, tut sich schwer, liebesfähig zu werden. Wer
nicht in der Familie von Klein auf eine gewisse Anpassungs- und
Konfliktfähigkeit erworben hat, wird später wahrscheinlich oft Probleme im
persönlichen Umgang haben. Verantwortung und Hilfsbereitschaft wachsen am
besten in der Familie.
Vielleicht werden Sie jetzt sagen: Das wissen wir auch. Es möchte ja jeder
eine Familie, in der man sich wohl fühlt, Verständnis findet, Ausgleich, Ruhe
und Geborgenheit. Das Problem liegt nicht darin, dass man nicht wüsste, wie
schön es ist, wie gut und wie wichtig, sondern darin, dass es oft nicht
gelingt. Nun: Gerade deshalb wäre der Blick auf Christus so wichtig. Und ich
behaupte: Mit der Hilfe des Glaubens würde es gelingen. Ich muss
gestehen, dass ich manchmal traurig bin, wenn ich daran denke: Als Christen
hätten wir eigentlich alles, um den Weg zu einem erfüllten Leben, auch zu
einer glücklichen Ehe bzw. Familie zu finden, aber wir nützen die vorhandenen
Möglichkeiten nicht, bzw. gelingt es uns offenbar nicht, den christlichen Weg
so zu vermitteln, dass er angenommen wird.
Vielleicht werden Sie jetzt einwenden, dass die kirchliche Trauung auch noch
keine Garantie sei. In gewissem Sinne mag das wahr sein. Es ist aber auch eine
Frage, woran das liegt. Wie steht es um die Ehevorbereitung, um die Art, wie
heute eine Ehe eingegangen wird? Bewährt sich die Probe-Ehe? Ist bewusst, was
das Ehesakrament bedeutet? Wie steht es um das konsequente Bemühen,
entsprechend zu leben, das Familienleben zu gestalten? Es verwundert nicht,
dass manchmal kirchlich geschlossene Ehen scheitern.
Außerdem ist zu bedenken: Die Lebensverhältnisse haben sich in den letzten
fünfzig, sechzig Jahren gerade auch für die Familie in vielfältigster Hinsicht
gewandelt. Wie helfen wir seitens der Kirche den jungen Familien? Die
Rollenbilder von Mann und Frau, von Vater und Mutter sind elastischer
geworden; das berufliche Engagement stellt hohe Anforderungen an den Einzelnen
und an die familiäre Gemeinschaft. Schon die Kinder und Jugendlichen sind
durch die schulische Ausbildung heute stark gefordert. Das Familienleben ist
schwieriger geworden. Die Mobilität bringt viele Vorteile, aber gerade für die
Familie auch Probleme mit sich. Vor allem aber macht die Vielfalt der
Einflüsse auf Jung und Alt, auf die Umwelt jedem Einzelnen und der ganzen
Familie zu schaffen. Das Miteinander in der Familie, die Umstände, unter denen
sie ihre Aufgabe erfüllen muss, sind komplexer, schwieriger geworden. Außerdem
sieht sich die Familie heute nicht nur mit dem überall gegenwärtigen
Pluralismus der Gesellschaft konfrontiert, sogar in der Kirche ist ein
gewisser, manchmal nicht mehr ganz gesunder Pluralismus spürbar. Dazu kommt
der allgegenwärtige Einfluss der Medien.
Gleichzeitig ist die Familie gerade wegen dieser heutigen Gegebenheiten
wichtiger denn je. Die Bildungseinrichtungen – ich meine damit vor allem die
Schule – können in dieser Situation kaum mehr christliche Werte vermitteln.
Auch die Pfarre hat es oft schwer, jedenfalls solange noch nicht neue Wege
gefunden sind. Da muss die christliche Familie viele Aufgaben, die zu anderen
Zeiten von Pfarre und Schule sehr wirksam unterstützt wurden, weitgehend auf
sich selbst gestützt wahrnehmen, wozu allerdings oft die nötige Ausbildung und
Schulung der Eltern nicht gegeben ist.
Aus dieser Sorge entstand das, was wir „Initiative Hauskirche“ nennen. Eine
kleine Freundesgruppe, der die Familie ein großes Anliegen ist, tat sich
zusammen. Wir dachten uns: Es muss gewissermaßen ein neues Know how für die
Familie entwickelt und insbesondere den jungen Familien vermittelt werden,
damit sie mit Hilfe dieses Know hows ihren Umständen entsprechend, in den
heutigen Verhältnissen, eine christliche Familie bilden und dabei
Eigeninitiative, auch Kreativität entfalten. Wenn die Grundlage stimmt, wenn
das Know how entsprechend ist, dann kann das auch in der heutigen Zeit gut
gehen. Welches ist die Grundlage? Das Evangelium, Christus, sein Wort, seine
Nahrung, seine Hilfe, seine Liebe. Worin besteht das Know how? Z.B. in
geeigneten Unterlagen über das, was man unter christlichem Leben versteht, was
der christliche Glaube beinhaltet, Grundlagen für die Erziehung. Wir waren
außerdem davon überzeugt, dass auch dem Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten
eine wichtig Bedeutung zukommt.
Es beschäftigte uns weiters der Gedanke: Wie der Familie in Krise helfen?
Krisen werden nie ganz fehlen (bei Jung und Alt), aber mit der Hilfe Christi
z.B. mit der Erfahrung der Vergebung, die er uns erwirkt hat, mit persönlicher
Bemühung und Zusammenhalten trotz Problemen werden sie bewältigt, führen sie
zum Guten, zur Reifung. Das war uns von Anfang an ein großes Anliegen.
Wir haben uns also vor einigen Jahren zusammengetan, um nach Wegen zu suchen,
wie man jungen und nicht mehr so jungen Menschen in ihrer Bemühung um eine
christliche Familie beistehen könnte. Wir hofften, dass daraus vielleicht auch
für die Pfarren, für Erneuerungsbewegungen und alle, die mit
Familienbegleitung beschäftigt sind, Anregungen hervorgehen. Wir überlegten,
welche Aspekte zu behandeln sind, was wichtig wäre und welche Unterlagen und
Hilfsmittel nötig sind. Wir wollten Familien helfen, eine gewisse
Familienkultur zu entwickeln, Ideen geben, wie man in der Familie heute den
Sonntag christlich gestalten, die Freizeit richtig nützen kann. Wir machten
uns Gedanken, wie in der Familie und durch die Familie der Glaube von einer
Generation zur nächsten weitergegeben werden könnte usw. usf.
Im Wesentlichen – jedenfalls so, wie wir ihn verwenden – wurde er vom II.
Vatikanischen Konzil geprägt. In der Katholischen Kirche war dieser Begriff
vorher – auch wenn er bis ins Urchristentum zurückreichende Wurzeln hat –
nicht verbreitet. Wenn das Konzil „plötzlich“ – d.h. obwohl der Begriff in der
katholischen Kirche kaum Tradition hat - von der Bedeutung der Familie als „ecclesia
domestica“, als „Kirche im Kleinen“, als „Hauskirche“ spricht, hängt das mit
dem zentralen Thema des letzten Konzils zusammen: dem Geheimnis der Kirche.
Das Konzil hat feierlich verkündet, dass nicht bloß Papst, Bischöfe, Priester
und vielleicht auch noch die Ordensleute in der Kirche Bedeutung haben,
sondern dass alle Getauften und Gefirmten wichtig sind. Alle sollen sich aktiv
an der Sendung Christi beteiligen. Den Eheleuten kommt dabei eine ganz
besonders bedeutungsvolle Aufgabe zu. Elternschaft ist eines der wichtigsten
kirchlichen Ämter. Eheleute sind die ersten Frohboten der Liebe Christi
füreinander und für die Kinder. Sie sind füreinander die ersten und
wichtigsten Zeugen der Auferstehung Christi und des ewigen Lebens. Die Familie
ist die wichtigste Schule des Lebens.
Hauskirche ist nicht bloß eine fromme Angelegenheit.
In der Familie muss der Glaube Gestalt annehmen, Christus geboren werden.
Man könnte auch sagen:
Der wichtigste Ort der Inkulturation des Glaubens ist die Familie.
Ein Grund, warum das Konzil die Bedeutung der christlichen Familie als
Kirche im Kleinen hervorgehoben hat, hat ohne Zweifel auch mit den Erfahrungen
in Zeiten von Christenverfolgungen zu tun. In manchen Ländern, in denen die
Kirche verfolgt wurde, hat der Glaube manchmal fast ausschließlich im Schoß
der Familie überlebt. Und im laizistischen Milieu einer pluralisierten
Gesellschaft erhält die Aufgabe der Familie ebenfalls eine ganz besondere
Rolle. Die Familie ist die wichtigste Keimzelle von Kirche und Gesellschaft.
Sie kann als eine Art „Kampfeinheit christlicher Lebensweise inmitten
schwieriger Verhältnisse“ betrachtet werden.
Unsere Absicht ist es nicht, eine Art neue Gruppierung innerhalb der Kirche
oder innerhalb der Pfarren zu bilden. Wir möchten vielmehr in den Pfarren, in
den verschiedenen Gemeinschaften eine „Bewegung“ im normalen Sinn dieses
Wortes auslösen. Wir verstehen unsere Aufgabe vor allem als Initialzündung und
Hilfestellung und hoffen, dass sich allmählich an vielen Orten eine Neudynamik
im Sinne einer Hauskirchenbewegung entwickeln wird.
Je mehr wir uns in den letzten Jahren mit der christlichen Familie auseinandergesetzt haben, desto mehr ist in uns die Klarheit gereift, dass diesem Thema (dem Thema Hauskirche) eine zentrale Bedeutung für die Erneuerung der Kirche in Europa zukommt. Die Pfarre hat die Aufgabe, alle, die an Christus glauben, zum Gottesdienst zu versammeln und durch die Verkündigung zu bestärken. Die christlichen Familien brauchen die Pfarre, sind aber zugleich eine wichtige Stütze für sie.
Die „Initiative Hauskirche“ wird sich
– so hoffen wir –
immer mehr in die Pfarren selbst verlegen
bzw. zu ihrem eigenen Anliegen werden.