„Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten“ (Eph 4,
15). Die Kirche hat die Aufgabe, ihre Botschaft deutlich und gleichzeitig mit
pastoraler Einfühlsamkeit darzulegen. Das gilt auch für den Bereich der
Aussagen über homosexuelles Verhalten. Die Aufgabe, sowohl die Frohbotschaft
Jesu Christi zu verkünden als auch homosexuell orientierte Menschen in der
Nachfolge Christi zu begleiten, ist nicht leicht zu erfüllen.
Die Erfahrung, nicht wahrgenommen und abgewertet zu werden, gehört vielfach
zur Alltagsrealität von Menschen mit homosexueller Neigung. Sie befinden sich
oft in einer schweren persönlichen und sozialen Notlage.
Wenn Eltern bemerken bzw. ihr Kind ihnen mitteilt, dass es homosexuelle
Neigungen hat, löst dies Betroffenheit und Hilflosigkeit aus. Angst vor
gesellschaftlicher Ächtung und Selbstvorwürfe (was habe ich in der Erziehung
falsch gemacht?) lassen das Gefühl entstehen, mit dem Problem allein zu sein,
und erschweren das Zugehen auf die neue Situation.
Nach dem Vorbild der menschenfreundlichen und befreienden Praxis Jesu, der
allen Menschen mit Offenheit gegenübertritt, aber auch zu Umkehr und Nachfolge
einlädt, möchte die Kirche homosexuellen Menschen mit Achtung und mit der
Bereitschaft, ihnen zu helfen, begegnen (vgl. KKK 2358).
Die Katholische Kirche verurteilt jedes Unrecht, das homosexuell empfindenden
Menschen zugefügt wird. Wörtlich heißt es im Schreiben der Kongregation für
die Glaubenslehre an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Seelsorge
für homosexuelle Personen vom 30.10.1986:
“Es ist nachdrücklich zu bedauern, dass homosexuelle Personen Objekt übler
Nachrede und gewalttätiger Aktionen waren und weiterhin noch sind. Solche
Verhaltensweisen verdienen, von den Hirten der Kirche verurteilt zu werden, wo
immer sie geschehen. Sie bekunden einen Mangel an Achtung gegenüber anderen
Menschen, der die elementaren Grundsätze verletzt, auf denen ein gesundes
staatliches Zusammenleben fußt. Die jeder Person eigene Würde muss nämlich
immer respektiert werden, und zwar in Wort und Tat und Gesetzgebung“ (10).
Die Wissenschaft bemüht sich, in langjähriger Forschung umfassende Antworten zu bieten. Bisher konnte keine biologische oder genetische Verursachung der Homosexualität nachgewiesen werden. Für die Entstehung homosexueller Neigungen gibt es nach bisherigen Erkenntnissen keine „einfache“ Ursache. Man muss wohl ein komplexes Zusammenwirken mehrerer Faktoren annehmen.
Grundlage für ein angemessenes Verständnis der durch Homosexualität
aufgeworfenen Fragen bietet - so die Glaubenskongregation im gleichen Dokument
- die Schöpfungstheologie. „Er (Gott) erschafft den Menschen als Mann und Frau
nach seinem Abbild und Gleichnis. Deshalb sind die Menschen Gottes Geschöpfe
und dazu berufen, in ihrer geschlechtlichen Bezogenheit aufeinander die innere
Einheit des Schöpfers widerzuspiegeln. Sie tun dies in einzigartiger Weise in
ihrer Mitwirkung mit ihm bei der Weitergabe des Lebens, und zwar im Akt des
gegenseitigen Sich-Schenkens in der Ehe“ (6). Durch den Sündenfall ist
allerdings Unordnung in die Schöpfung Gottes gekommen. Sie zeigt sich in
vielen Bereichen, auch im Miteinander der Geschlechter. Jedem Menschen ist es
auferlegt, mit der Hilfe Gottes diese Unordnung, die auch im Heterosexuellen
gegeben ist, wenn sie sich bemerkbar macht, zu überwinden und dem
Schöpfungsplan so gut wie möglich zu entsprechen.
Homosexuelles Tun entspricht nicht dem Schöpfungsplan Gottes. Im Dokument der
Glaubenskongregation heißt es: „Homosexuelles Tun führt ja nicht zu einer
komplementären Vereinigung, die in der Lage wäre, das Leben weiterzugeben und
widerspricht darum dem Ruf nach einem Leben solcher Selbsthingabe, von der das
Evangelium sagt, dass darin das Wesen christlicher Liebe bestehe“ (7).
Eine der Ursachen für die Verunsicherung bezüglich der moralischen Beurteilung
homosexuellen Verhaltens besteht - wie die Glaubenskongregation in ihrem
Schreiben (1986) feststellt - „in einer neuen Auslegung der Hl. Schrift,
wonach die Bibel überhaupt nichts über Homosexualität sage oder sie
stillschweigend billige; oder wonach sie moralische Weisungen biete, die so
sehr Ausdruck einer bestimmten Kultur und Geschichte sind, dass dies auf das
Leben von heute nicht mehr anwendbar sei“ (4).
Es würde den Rahmen dieser Leitlinien sprengen, auf Homosexualität betreffende
Einzelheiten der Exegese einzugehen (siehe Schreiben der Glaubenskongregation
<1986> 4-8). Dennoch seien einige Stellen der Hl. Schrift genannt, aus denen
hervorgeht, dass homo-sexuelles Verhalten als Vergehen eingestuft wird. In
Genesis 19, 1-11 wird die Geschichte der Männer von Sodom erzählt, deren
Verhalten verurteilt wird. In Levitikus 20, 13 werden geschlechtliche
Beziehungen zwischen Männern als „Greuel“ bezeichnet. Der Apostel Paulus
betont, dass Menschen mit bestimmten Lastern – dazu rechnet er auch
homosexuelles Tun – das Gottesreich nicht erben können (1 Kor 6, 9). Ähnliches
schreibt er in 1 Tim 1, 10. Wichtig ist die Feststellung, dass trotz der
großen kulturellen Unterschiede zwischen den Welten des Alten und Neuen
Testamentes, zwischen damals und heute, eine klare innere Einheit in den
Schriften und der gesamten überlieferten Lehre gegeben ist und die
Unterweisung der Kirche „in organischem Zusammenhang mit der Sichtweise der
Hl. Schrift und der beständigen Überlieferung“ (8) steht.
In Fortführung der Aussagen der Hl. Schrift unterscheidet die Kirche zwischen
homo-sexueller Neigung einerseits und homosexuellen Handlungen andererseits.
Homosexuelle Handlungen werden der kirchlichen Tradition und der Hl. Schrift
entsprechend als „in sich nicht in Ordnung“ (vgl. KKK 2357) bezeichnet.
Bezüglich der homosexuellen Neigung wird im Dokument der Glaubenskongregation
(30.10.1986) präzisiert: „...Die spezifische Neigung der homosexuellen Person
ist zwar in sich nicht sündhaft, begründet aber eine mehr oder weniger starke
Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet
ist. Aus diesem Grunde muss die Neigung selbst als objektiv ungeordnet
angesehen werden.
Deshalb muss man sich mit besonderem seelsorglichem Eifer der so veranlagten
Menschen annehmen, damit sie nicht zu der Meinung verleitet werden, die
Aktuierung einer solchen Neigung in homosexuellen Beziehungen sei eine
moralisch annehmbare Entscheidung“ (Nr. 3).
Eine wachsende Zahl von Menschen, auch innerhalb der Kirche, übt heute enormen
Druck aus: sie möchten erreichen, dass die Kirche die homosexuelle Neigung als
etwas Gutes (eine Schöpfungsvariante) akzeptiert und die homosexuelle
Lebensweise legitimiert.
Die Kirche hält grundsätzlich fest: „Man hüte sich, sie (Menschen mit
homosexueller Neigung) in ungerechter Weise zurückzusetzen“ (KKK 2358). Das
bedeutet jedoch nicht, dass die Ausübung einer solchen Neigung zu einem Recht
wird, das eingefordert werden kann. Es darf auch nicht als Diskriminierung
homosexuell geneigter Personen angesehen werden, wenn diese für bestimmte
Aufgaben – z.B. im Bereich der Erziehung und Ausbildung – nicht herangezogen
werden oder auf andere die Homosexualität betreffende Gefährdungen hingewiesen
wird.
Unter den gleichgeschlechtlich empfindenden Personen sind nicht wenige, die
unter ihrer Situation leiden und den Eindruck haben, allein gelassen zu
werden. In dieser Hinsicht bestehen sicherlich in der Hilfeleistung der Kirche
da und dort Defizite. Mangelndes Verständnis hat wahrscheinlich nicht selten
Menschen mit homosexueller Neigung zusätzlich verletzt, zur Hoffnungslosigkeit
ihrer Situation und zu Resignation beigetragen, und die Wahl eines
homosexuellen Lebensstiles in der Folge bedeutete oft eine Entfremdung von der
Kirche. Es ist daher notwendig, dass die Kirche ihre Aufgabe, Menschen mit
homosexueller Neigung beizustehen, ohne sich von pressure-groupes missbrauchen
zu lassen, neu überdenkt. Die Kirche muss nach geeigneten Wegen der Seelsorge
und Begleitung für Personen mit homosexueller Neigung suchen, in denen jene,
die es möchten, Hilfe finden und erfahren können, dass Gott für jeden Menschen
da ist. Dabei ist zu beachten: die sexuelle Orientierung gehört in den Privat-
bzw. Intimbereich einer Person und bedarf eines geschützten Raumes. Das ist
für entsprechende seelsorgliche Initiativen wichtig und schützt sie außerdem
davor, als Plattform für Gruppen zu dienen, die im Grunde genommen nur die
Partnerschaft der Kirche und ihrer Einrichtungen zur Durchsetzung ihrer
persönlichen Vorstellungen und Interessen in der Öffentlichkeit suchen.
Aus den dargelegten Zusammenhängen ergeben sich wichtige Orientierungen für
die seelsorgliche Betreuung.
Positive Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass die Seelsorge für Menschen mit homosexuellen Neigungen vier wesentliche Bereiche umfassen sollte. Betroffene bezeugen selbst, dass Ihnen dadurch sehr geholfen wurde.
Viele Betroffene betonen, dass eine klare Verkündigung, die Darlegung der
Zusammenhänge gemäß der Hl. Schrift, der Lehre und Tradition der Kirche, ein
sehr wichtiges Fundament für ihr weiteres Wachstum ist. Sie haben auch ein
Recht darauf.
Dem Menschen darf seine große und gottebenbildliche Würde nicht genommen
werden, darum ist ihm auch die ganze Wahrheit in Liebe zu vermitteln. Nur die
Wahrheit kann frei machen. Durch die Verkündigung der Kirche muss klar
erkennbar sein, dass es ihr um die wahre Freiheit des Menschen geht. Sollte
ihre „Verkündigung“ dazu führen, dass der ungeordnete homosexuelle Lebensstil
einfach akzeptiert, als „gut“ bejaht wird, wäre sie nicht nur ihrem
Verkündigungsauftrag untreu, sie würde auch den Betroffenen nicht helfen.
Die Glaubenskongregation empfiehlt: „Eine besondere Aufmerksamkeit müssen
die Bischöfe sodann auf die Auswahl derjenigen Seelsorger legen, die mit
dieser heiklen Aufgabe betraut werden, damit diese aufgrund ihrer Treue zum
Lehramt und ihrem hohen Grad an geistlicher und psychologischer Reife den
homosexuellen Personen eine wirkliche Hilfe zum Erreichen ihrer ganzheitlichen
Erfüllung bieten können“ (17).
“Insbesondere sollen die Bischöfe vordringlich die Entwicklung angemessener
Seelsorgeformen für homosexuelle Personen mit allen ihnen zur Verfügung
stehenden Mitteln unterstützen. Diese kann die Einbeziehung der
psychologischen, soziologischen und medizinischen Wissenschaften einschließen,
wobei immer die volle Treue zur Lehre der Kirche festgehalten werden muss“
(19, 17).
Der Seelsorger sollte sich dessen bewusst sein, dass ein junger Mensch trotz
seiner homosexuellen Empfindungen zu einer heterosexuellen Entwicklung fähig
sein kann.
Viele behaupten, die homosexuelle Neigung sei fixiert und dauerhaft. Bei
manchen scheint dies tatsächlich zuzutreffen, aber es gibt auch eine Reihe von
Fachleuten und Betroffenen, die bezeugen, dass eine Veränderung möglich ist.
Männer und Frauen, die aufrichtig wünschen, ihre heterosexuelle Veranlagung zu
entwickeln, sollten nicht in Unkenntnis der Hilfen sein, die ihnen erlauben,
zu ihrer gottgegebenen Männlichkeit und Weiblichkeit zu gelangen.
Andere, deren homosexuelle Neigung eine Konstante ihres Lebens bleibt, werden
sich bemühen, ihre Art zu empfinden, als ein Kreuz ihres Lebens anzunehmen und
enthaltsam zu leben. Bei jeder sexuellen Orientierung ist Verzicht in vielen
Situationen notwendig. Nicht wenige Heterosexuelle leben ein Leben lang
enthaltsam.
Als seelsorgliche Orientierungshilfe bezüglich der Frage der subjektiven
Schuld erinnern wir an das, was der Katechismus der Katholischen Kirche in
einem anderen Zusammenhang sagt: „Um ein ausgewogenes Urteil über die
sittliche Verantwortung jener, die sich ... verfehlen, zu bilden und um die
Seelsorge danach auszurichten, soll man affektive Unreife, die Macht
eingefleischter Gewohnheiten, Angstzustände und weitere psychische oder
gesellschaftliche Faktoren berücksichtigen, welche die moralische Schuld
vermindern oder sogar aufheben“ (vgl. KKK 2352).
Das Suchen nach der eigenen geschlechtlichen Identität wird durch das
Erleben ähnlicher Bemühungen bei anderen gestärkt. Es schenkt Mut, mit anderen
auf dem Weg zu sein.
Um homosexuellen Personen zu helfen, ein christliches Leben zu führen, kann
neben der persönlichen geistlichen Begleitung die Hilfe einer Gruppe, die
spirituellen und sozialen Rückhalt bietet, sehr wertvoll sein.
Niemand kann übersehen, dass es die Neigung zum Bösen – eine Folge der
Erbsünde – bei allen Menschen und auf vielen Gebieten des moralischen Lebens
gibt: „Die Folgen für die Natur, die geschwächt und zum Bösen geneigt ist,
verbleiben im Menschen und verpflichten ihn zum geistlichen Kampf“ (KKK 405).
Das gilt allgemein. Für den konkreten Bereich der Seelsorge für Personen mit
homo-sexuellen Neigungen empfiehlt die Glaubenskongregation: „Ein echtes
pastorales Programm wird homosexuelle Personen auf allen Ebenen ihres
geistlichen Lebens fördern: durch die Sakramente, insbesondere durch den
häufigen und ehrfürchtigen Empfang des Sakraments der Versöhnung, durch das
Gebet, durch das Zeugnis, durch Beratung und individuelle Begleitung. Auf
solche Weise kann die ganze christliche Gemeinschaft ihre eigene Berufung
erkennen, indem sie nämlich diesen ihren Brüdern und Schwestern beisteht, ohne
sie zu täuschen oder sie in die Isolierung zu treiben“ (15, 16).
Eucharistiefeiern ausschließlich für Personen mit homosexueller Neigung sind
nicht angebracht.
Die gläubige Lebensgestaltung betroffener Personen ist eine anspruchsvolle
Herausforderung, deren Bewältigung immer neu versucht werden muss, auch mit
der Wahrscheinlichkeit der nur teilweisen Bewältigung. Im Wissen, dass
homosexuelle Handlungen vor Gott nicht recht sind, werden der stets neu zu
fassende gute Vorsatz und das Sakrament der Buße unentbehrlich sein. Jedem und
jeder Betroffenen ist zu wünschen, dass erfahrene und verantwortungsbewusste
Personen sie geistlich begleiten und zur gläubigen Lebensgestaltung ermutigen.
22.08.2001