'Jahr des Rosenkranzes': Eine Chance für den Frieden

Ein Kommentar von P. Robert Bösner zu 'Rosarium Virginis Mariae'
Das vom Papst ausgerufene "Jahr des Rosenkranzes" auf dem Hintergrund von Fatima und dem "letzten Geheimnis"

"Es ist mir eine Ehre, für die weitere Bekanntmachung der Botschaft von Fatima mein Blut vergossen zu haben!" So sprach Papst Johannes Paul am 13. Mai 1982 in Fatima bei der Dankwallfahrt für seine Errettung aus dem - genau vor einem Jahr geschehenen - blutigen Attentat am Petersplatz in Rom. Das obige Wort fiel im Gespräch mit dem Ortsbischof von Leiria-Fatima, Dom Alberto Cosme do Amaral.Wenn der Heilige Vater das 25. Jahr seiner Amtsausübung als ein "Jahr des Rosenkranzes" gefeiert haben will, dann identifiziert er sich, so scheint mir, mit einem Wunsch Mariens in Fatima. Während eines halben Jahres, von Mai bis Oktober 1917, hat Maria immer wieder den Wunsch geäußert: "Betet täglich den Rosenkranz!"

Drei Monate lang hat Maria im Zusammenhang mit dem angesagten großen Zeichen (es war das "Sonnenwunder" vor 70.000 Menschen) versprochen, ihren Namen bekannt zu geben. Am 13. Oktober 1917 sagte sie den Kindern: "Ich bin die Königin des Rosenkranzes". Das heißt, ihre Bitte um das Gebet des Rosenkranzes ist nicht eine punktuelle Einzelbitte, sondern gilt vollmächtig vor Gott und für die ganze Menschenwelt.

Zu diesem Königtum gehört alles dazu, was mit dem Rosenkranz und mit den Erscheinungen der Muttergottes durch alle Jahrhunderte seit ihrem Stehen unter dem Kreuz bei Jesus zusammenhängt. Zu diesem "Herrschaftsbereich Mariens" hat sich Papst Johannes Paul II schon am Anfang seines päpstlichen Wirkens 1978 für alle Zukunft bekannt. Sein Wappenspruch macht dies deutlich: " Totus tuus! " (ganz Dein, o Maria!).

Am kritischsten Punkt der Ausübung seines Amtes, beim Erleiden des Attentates am 13. Mai 1981, bekannte er feierlich, als man im "Papamobil" das auf ihn gezielte Projektil fand: "Eine mütterliche Hand hat die Bahn des todbringenden Projektils abgelenkt, so dass der Papst, der tot sein sollte, am Rande des Todes stehen bleiben konnte". (vgl. OR Mai 2001). Die darauf folgenden fast 22 Jahre seines aufbauenden Wirkens für Kirche und Welt - Ende des totalitären Atheismus im östlichen Europa - sind "die Frucht" jenes Schutzes, den die Mutter Maria ihm gewährte.

"Das erste Jahr meines Pontifikates habe ich in den täglichen Rhythmus des Rosenkranzgebetes hineingestellt. Am Anfang des fünfundzwanzigsten Jahres des Dienstes als Nachfolger Petri möchte ich dasselbe tun." (n.2) "Deshalb erkläre ich den Zeitraum von Oktober dieses Jahres bis zum Oktober 2003 zu einem "Jahr des Rosenkranzes ". (n.3)

Zwei markante Gegebenheiten weisen auf die Bedeutung dieses Wunsches nach der Einführung dieses "Gnadenjahres Mariens" durch den Papst hin: Zuerst sein Apostolisches Schreiben "Rosarium Beatae Mariae Virginis" über den Rosenkranz, den er "als eine Kurzfassung der frohen Botschaft" und "in gewisser Weise als einen Gebetskommentar zum letzten Kapitel der Konstitution "Lumen gentium" des zweiten Vatikanischen Konzils bezeichnet; Gebetskommentar nämlich zu dem Kapitel, das von der wunderbaren Gegenwart der Muttergottes im Geheimnis Christi und seiner Kirche handelt." Der Rosenkranz ist für den einzelnen Menschen nicht nur ein Zeichen des Glaubens sondern auch ein "Weg und eine wirksame Methode der Aneignung des Geheimnisses Christi"(n 26-27) und für den Papst eine Bitte an den Erlöser um den heute so gefährdeten Frieden in der Welt Der zweite Grund spiegelt sich - wie erwähnt - im Wahlspruch des Papstes wider: "Ganz dein, o Maria!" (totus tuus!).

Trotz dieser mehr aktuellen Gründe ist es dem Heiligen Vater auch wichtig, dass er mit seinem Anliegen ganz in der Linie seiner Vorgänger liegt, angefangen von Papst Pius V (1569, der die überlieferte Form des Rosenkranzes festlegte) über Leo XIII ( Sept. 1883) bis zu Papst Paul VI (2. Feber 1974). Dieser hat in seinem Apostolischen Schreiben "Marialis cultus" (Über die rechte Marienverehrung) vor 28 Jahren in Übereinstimmung mit dem zweiten Vatikanischen Konzil den evangeliumsgemäßen Charakter des Rosenkranzgebetes und seine christologische Ausrichtung hervorgehoben.

Besonders aber hat Papst Leo XIII vor bald genau 120 Jahren in Ergänzung zu seiner Pioniertat, der ersten katholischen Sozialenzyklika "Rerum Novarum" (1891), seit 1883 ein Dutzend (!) Enzykliken über die Bedeutung des Rosenkranzes verfasst. Er war sich bewusst, dass "dieses Gebet ein wirksames geistiges Mittel angesichts der Übel der zeitgenössischen Gesellschaft" darstelle.
So wie seine Vorgänger erachtet es auch Papst Johannes Paul II in seinem Schreiben als wichtig, sich mit manchen zeitgenössischen Einwänden gegen den Rosenkranz auseinanderzusetzen (n.4-5). Vor allem bereitet es ihm Sorge, dass durch die aktuelle Krise des Gebetes in der Kirche der Rosenkranz entwertet wird. Konsequenterweise wird er daher auch von den Erwachsenen der nächsten Generation nicht weitergegeben.

Johannes Paul II. weiß auch, dass manche Katholiken die Befürchtung hegen, dass "der Rosenkranz wegen seines ausgesprochen marianischen Charakters als wenig ökumenisch gelten könne". Aber er weist darauf hin, dass das Konzil aufgezeigt hat, dass der Rosenkranz eine Frömmigkeitsform ist, die sich am christologischen Zentrum des Glaubens der Kirche orientiert, und zwar in der Weise, dass "wenn die Mutter geehrt wird, auch der Sohn ... richtig erkannt , geliebt und verherrlicht wird". (vgl. LG 66).
"Seit meiner Kinder- und Jugendjahre", so erinnert sich der Papst, "hat dieses Gebet einen wichtigen Platz in meinem geistlichen Leben eingenommen." Und durch seine Überlegungen anlässlich des Beginns des neuen Jahrtausend, "da ich alle dazu einlud 'von Christus her neu aufzubrechen', erachtete ich es als notwendig, eine tiefere Betrachtung über das Rosenkranzgebet zu entfalten." Schon das Apostolische Schreiben "Am Beginn des neuen Jahrtausends" (Novo millennio ineunte) sollte "eine marianische Krönung "erhalten. Denn den Rosenkranz zu beten, ist nichts anderes, als "mit Maria das Antlitz Jesu zu betrachten". Die Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse bringt uns durch das Herz seiner Mutter hindurch in lebendige Verbindung mit Jesus.

Ein neues "Marianisches Jahr" ?

Schon zu Beginn des heurigen Rosenkranzmonats Oktober hat der Papst in dieser so gefährdeten Zeit alle Gläubigen gebeten, täglich den Rosenkranz für den Frieden zu beten und ihn durch das gemeinsame Beten gleichsam bei sich selbst anfänglich zu verwirklichen. Es ist ihm aber bewusst, dass es für ein ganzes "Jahr des Rosenkranzes" mehr braucht als einfach einen Gebetsaufruf. Darum hat er einerseits das eben erwähnte gehaltvolle Apostolische Schreiben verfasst. Andererseits wirft er auch seine ganze persönliche und durch das Amt geheiligte Autorität in die Wagschale, indem er einfach die - von Gott selbst ihm noch zugemessene - Abschlusszeit seines Lebens in den Dienst der Bitte Mariens um den täglichen Rosenkranz stellt. In Analogie zu den bisherigen "Marianischen Jahren" legt er ein "Jahr des Rosenkranzes" fest.

Das erste Marianische Jahr 1953 /54 galt der Vorbereitung auf das Jahrhundert-Jubiläum der feierlichen Verkündigung, dass es zum Glauben der Kirche dazugehört, dass Maria, die Mutter des Erlösers, durch ein einzigartiges Gnadenprivileg vom Beginn ihres Vorhandenseins im Schoße ihrer Mutter (Empfängnis) - im Hinblick auf die Erlösungstat durch Jesus - frei von allem Unheilszusammenhang der Erbsünde empfangen wurde. (Immaculata).

Das zweite Marianische Jahr 1987/88 stand im Zusammenhang mit dem Jubiläum "70 Jahre Fatima" und dem Lehrschreiben "Mutter des Erlösers" (Redemptoris mater) über die Stellung Mariens im Geheimnis Christi und seiner Kirche. Es legte die mütterliche Mitwirkung Mariens an der Erlösung der Welt in Verdeutlichung der entsprechenden Passagen aus dem Abschlusskapitel der Kirchenkonstittution über Maria dar.

Wenn man das "Jahr des Rosenkranzes 2002-2003" als das 3. Marianische Jahr bezeichnen darf, dann ist es gleichsam ein Triumph Unserer Lieben Frau von Fatima, die darauf hingewiesen hat, dass "am Ende" - was immer das besagt - ihr Unbeflecktes Herz triumphieren wird. Dieses Jahr ist die gnadenhafte Verlängerung des großen Jubiläumsjahres 2000, an dem "die Schleusen der Barmherzigkeit Gottes weiter geöffnet" waren, u.a. gab es tägliche Gelegenheit zu einem vollkommenen Ablass.

Für viele, die die besondere Gnade des Großen Jubiläumsjahres versäumt hatten, und für jene die ihre - zweite - Bekehrung aufgeschoben hatten, ist dieses Jahr des Rosenkranzes nochmals eine Gelegenheit zur Umkehr und zur Begegnung mit Christus. Das Jahr nach dem Großen Jubiläum 2000 hat uns gezeigt, wie leicht eine Katastrophe eintreten kann (New York 2001); das Jahr 2002, wie schnell eine Hochwasserkatastrophe auf einem ganzen Kontinent großes Unheil anrichten kann.

Maria mit dem Unbefleckten Herzen hat uns das einfache Zeichen des Rosenkranzes - 59 Jahre nach Lourdes - in Fatima nochmals geschenkt und anvertraut. Es ist ein lichtvolles Geschenk des Himmels und der himmlische Glanz, der aus dem Herzen Mariens strahlt, kann auf das Beten des Rosenkranzes übergehen und löscht so auch auf diese Weise das Gerichtsfeuer der Hölle aus, das die sündige Welt immer schon verdient hat ( vgl. das sogen. "dritte Geheimnis von Fatima"). Dieses "letzte" Detail der Vision vom 13. Juli 1917, das Papst Johannes Paul II am 26. Juni 2000 veröffentlichen ließ, gibt uns von Maria her noch einmal eine "letzte" Gelegenheit zur Umkehr und zur Buße, falls wir sie bis jetzt versäumt hätten, oder sie noch vertiefen müssten.

Es ist der Papst selbst, der mit dem schlichten "Jahr des Rosenkranzes" - als Vorbereitungszeit auf sein 25. Papstjubiläum - der ganzen Kirche und der Welt diese Chance weitergibt. Wie beim Attentat am 13. Mai 1981 wird das ganze Lebensschicksal des Papstes - diesmal seine letzten Lebensjahre, aber unblutig -, ähnlich einem "Resonanzraum der Wünsche Mariens", eingesetzt.
Wenn wir ab heute täglich den Rosenkranz beten, dann wird sich der letzte und wichtigste Wunsch Mariens in Fatima erfüllen: "Die Menschen sollen aufhören Gott (durch die Sünde) zu schmähen, er ist schon viel zu viel geschmäht worden." Das waren die letzten Worte Mariens am 13. Oktober 1917 in Fatima.

Welch prophetische Verheißung ist nicht mit diesem vom Papst ausgerufenen Jahr gegeben! Wenn "alle" die Bitte des Papstes annehmen und im - gestern - begonnenen Jahr täglich den Rosenkranz beten, dann kann sich am Schicksal der Welt vieles zum Guten wenden. Wenn "alle" die neuen fünf Rosenkranzgeheimnisse des "öffentlichen Lebens" annehmen, die der Papst uns vorgelegt hat, und "wenn" wir bemüht sind, nicht in der Finsternis, sondern im Licht des Tages zu leben und "wenn" wir dem nachfolgen , der gesagt hat: "Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wandelt nicht im Finstern, sondern hat das Licht des Lebens", dann kann noch einmal "Frieden" auf dieser geplagten Erde werden.

Auch die demütige Annahme der vom Heiligen Vater vorgeschlagenen Ordnung der Aufteilung der Gebetsgeheimnisse des Rosenkranzes in einer Woche in der Form, wie sie im Apostolischen Schreiben angegeben ist, ist ein ganz schlichtes Zeichen der Einheit mit dem Papst und mit den Mitchristen, eine Einheit, die Maria freudig segnen wird.
Petrusdienst für die ganze Kirche - durch Maria gefördert.

Erst wenn man die gehaltvollen Hinweise des Papstes in dieser "Katechese über den Rosenkranz", die das Apostolische Schreibens darstellt, aufmerksam liest, wird man den folgenden Abschluss dieser Überlegungen hinreichend werten können und nicht als fromme Übertreibung abtun. Die neuen "lichtvollen" Rosenkranzgeheimnisse, die die traditionellen drei Geheimnisse des freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranzes ergänzen, beziehen sich auf das öffentliche Wirkens Jesu und lauten ( in freier und ungeschützter Formulierung):
Jesus,

Maria als die "Mutter der Kirche" hat ihre eigenen Wege, um der apostolischen Stiftung Jesu zur erneuerten Einheit mit dem Petrusnachfolger zu verhelfen: Wer immer jetzt in den 129 Staaten, die Johannes Paul II persönlich in den 22 Jahren seines - von Maria ermöglichten - Dienstes besucht hat ( wobei er 1,200,000 km an apostolischen Pilgerreisen zurückgelegt hat) und in den 142 Städten Italiens, die er besucht hat, und wer immer von den 16,5 Millionen Teilnehmer an den 1.055 Generalaudienzen sowie von den 3.150 durch ihn ernannten Bischöfen der ganzen Welt seine Bitte aufnimmt und den Rosenkranz betet, der kann vor allem in diesem Rosenkranz-Jahr bzw. solange Papst Johannes Paul II seinen Dienst auf Erden noch ausüben kann, viel Gnade für sich, für den Frieden in der Welt und für die Einheit der Kirche erbitten. Und er kann persönlich mithelfen, dass sich die Verheissung Jesu an Petrus erfüllt: "die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen" (Mt, 16.16 ff).


Maria, Königin des Rosenkranzes, bitte für den Heiligen Vater und für uns alle!