Hirtenwort zur Fastenzeit 2009

Diözesanbischof DDr. Klaus Küng

Liebe Mitchristen!

Einmal mehr stehen wir am Beginn der Fastenzeit und vernehmen das Wort des Herrn:

"Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.
Kehrt um, und glaubt an das Evangelium."

Was müssen wir tun, um uns in dieser Zeit als Christen zu bewähren? Was erwartet Gott von uns?

Wir leben in einer Zeit großer Unsicherheiten. Im gesellschaftspolitischen Bereich bewegt derzeit viele die Weltwirtschaftskrise.

Auch andere Themen beschäftigen die Menschen. Unser Lebensstil heute: Wohin führt er? Die vielen Fortschritte in Technik und Wissenschaft:

Auch im kirchlichen Leben fehlt es nicht an Hinweisen auf bevorstehende Umwälzungen; und auch da gibt es Fragen, die wohl allen, die die Kirche lieben, zu schaffen machen:

Liegt es - wie manche meinen - wirklich nur daran, dass Priester nicht heiraten?

Von Jesus hören wir alljährlich am Beginn der Fastenzeit, dass ihn der Geist in die Wüste getrieben hat, dass er dort 40 Tage geblieben ist und von Satan in Versuchung geführt wurde. Danach folgt die Zeit seines öffentlichen Wirkens. Besinnung ist ohne Zweifel wichtig. "Seht doch auf eure Berufung", schreibt der hl. Paulus den Korinthern (1 Kor 1,26). Er schreibt es auch uns. Ebenso betrifft uns, was er den Thessalonikern sagt:

"Das ist es, was Gott will:
eure Heiligung" (1 Thess 4,3).

Für Paulus war ausschlaggebend die Einsicht, dass Jesus von den Toten auferstanden und dass die Auferstehung von den Toten auch für uns das Ziel ist. Das war der Grund, warum er, der zunächst den neuen Weg bis auf den Tod verfolgt hat, seine Einstellung völlig geändert und sein Leben ganz in den Dienst des Reiches Gottes gestellt hat. "Seinetwegen habe ich alles aufgegeben", schreibt er den Philippern. "Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt" (PhiI 3,8.14).

Wahrscheinlich würde Paulus, wenn er jetzt zu uns sprechen könnte, uns bewusst machen, dass diese Grundfrage auch heute das Wichtigste ist. Sie lautet:

Paulus würde uns sicherlich ermahnen, nicht nachzulassen, den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen und das ewige Leben zu ergreifen, zu dem wir berufen sind (vgl. 1 Tim 6,12). Er würde uns wahrscheinlich auch daran erinnern, dass wir in Bezug auf die anderen eine wichtige Aufgabe und eine große Verantwortung haben. Vielleicht würde er uns das Gleiche wie den Galatern sagen: "Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal 6,2). Möglicherweise würde er auch bei uns nicht vor ernsten Worten zurückschrecken:

"Täuscht euch nicht:
Gott lässt keinen Spott mit sich treiben;
was der Mensch sät, wird er ernten" (Gal 6,7).

Doch sicher würde uns Paulus ermutigen, wie er es im Brief an die Römer getan hat: "Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?" (Röm 8,31-32).

Die Fastenzeit ist eine Einladung, die an uns gerichtet ist. Es ist sehr wichtig, dass wir die Zeit, die Gott uns schenkt, gut nützen und an uns arbeiten, damit wir besser, freier, reifer werden und die Gnade, die wir in der Taufe empfangen haben, erneuert und vermehrt wird. Auch die Verantwortung für die anderen an unserer Seite muss uns bewusst sein. Wir können nicht einfach.. zuschauen, wenn sie am Wesentlichen vorbeileben und sich Gefährdungen aussetzen, sich in die Gefahr begeben, an der Seele Schaden zu leiden oder sie vielleicht überhaupt zu verlieren. Denken wir an Paulus, der von sich sagen konnte: "Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben" (1 Kor 9,22-23).

Niemand kann sich darauf beschränken,
"bloß die eigene Haut zu retten".

Ich möchte nicht schließen, ohne zu versichern, dass ich insgesamt zuversichtlich bin: Wenn Menschen Christus erkennen und ihm, so gut sie können, nachfolgen, wenn sie dabei in der eigenen Schwäche auf ihn und seine Stärke bauen, wie es der Apostel Paulus gelehrt und selbst gelebt hat (vgl. 2 Kor 12,9-10), bildet sich die rettende Gemeinschaft der Kirche, kommt es zur Versammlung jener, die an Christus glauben, sein Antlitz und seine Liebe werden sichtbar und erfahrbar.

Er, der von der Erde erhöht ist, zieht alle zu sich (vgl. Joh 12,32).

So wünsche ich Euch allen eine gesegnete Fastenzeit.

+ Klaus Küng
Bischof